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Tagesspiegel, Spielzeit

Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten

Schön erröteter Romantiker

Nico and the Navigators zeigen in "Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten" einen poetischen Reigen der Vergeblichkeiten.

 

Nicola Hümpel könnte man auch mit einer Gärtnerin vergleichen. Die Regisseurin, die von der bildenden Kunst kommt, sorgt dafür, dass ihre Spieler sich frei entfalten können. Die sind eine besondere Spezies und brauchen Luft und Liebe. Nico and the Navigators sind eine der eigenwilligsten und zugleich eine der erfolgreichsten Berliner Gruppen. Sie sind sich immer treu geblieben – das beweist die neue Produktion „Die Stunde, da wir zu viel voneinander wussten“, die am 27. Mai Premiere hat. „Das Wunderbare an dieser Arbeit ist, dass wir zu unseren Wurzeln zurückkehren konnten", schwärmt Nicola Hümpel. Dass das gemeinsame Erarbeiten eines Stückes ein lustvoller Prozess ist, war schon immer so. Jeder der Navigatoren ist im Grunde Mit-Autor und bringt seine besonderen Fähigkeiten, Talente und auch Marotten ein. Die Steuerfrau behält den Überblick. In den letzten Jahren haben Nico and the Navigators sich mit ihren bildstarken Musiktheater-Produktionen internationalen Ruhm erworben. Doch die Koproduktion mit großen Häusern erforderte manchmal auch Kompromisse und Abstriche in der Arbeitsweise. Bei der neuen Produktion gibt es keine Einschränkungen und dramaturgischen Zwänge. Denn eine Neuinterpretation von Handkes „Die Stunde, da wir nichts voneinander wussten“, so stellt Hümpel gleich klar, hatte sie nicht im Sinn. Vielmehr diente seine Anordnung als Ausgangspunkt dieses Projekts. „Wir haben nach viel Recherche unsere eigenen Figuren erfunden und konnten so intuitiv, unserem inneren Blick auf die aktuelle Gesellschaft folgen.“ Dennoch gibt es eine Gemeinsam­keit: Wie in Handkes Stück ohne Worte ist der Schauplatz ein Platz, wo Paare und Passanten zusammentreffen oder aneinander vorbeigehen. „Es geht um kurze Blitz-Begegnungen“, sagt Hümpel. „Und um Fragen wie: Was wissen wir wirklich vonein­ander? Wie fremd sind wir uns? Inwiefern folgen wir bei einer kurzen Begegnungen unseren Instinkten“ Lauter Fragen, die ungemein aktuell sind, findet sie. Letztlich gehe es darum: Was macht die Gesellschaft aus? Wie gehen wir mit dem Fremden, dem Anderen um. „Sich diesen unverhofften Situationen zu stellen, kann in heutigen Zeiten, in denen die Kommunikation vorrangig über Medien stattfindet und denken sowieso ‚out‘ ist, eine verzwickt komische Herausforderung sein.“

 

Die Navigatoren haben sich viel Zeit für die Recherche genommen. „Wir sind über Plätze gegangen und haben die Menschen beobachtet. Jeder kam mit seinen eigenen Eindrücken zurück. Dann haben wir festgestellt, dass wir zu viel wollten“, erzählt Hümpel. Anfangs hatten sie an die 120 Figuren skizziert, doch die ständigen Verwandlungen sind für acht Spieler nicht zu bewältigen. Jetzt spielt jeder Darsteller höchstens fünf Figuren. Nur Yui Kawaguchi hat mehr. „Das Spektrum ist nicht mehr ganz so groß, aber ehrlicher“, findet Hümpel.

 

Wie immer bei Nico and the Navigators sieht man ein Kabinett schräger Typen, die sich unbeirrt ins Absurde navigieren. Die Regisseurin konzentriert sich auf „merkwürdige Momente, die wie durch eine Lupe vergrößert werden“. Ihr geht es wie in all ihren Arbeiten darum, „Grundphänomene des Menschseins zu sezieren“. Die existenziellen Fauxpas, das Einander-Verfehlen hat sie sehr musikalisch inszeniert. „Sie sind alle Suchende, Scheiternde, um ihre Existenz Kämpfende und nie ohne Sehnsüchte “, beschreibt sie die Figuren. Es ist nicht nur ein Reigen der Vergeblichkeit zu bewundern, die Zuschauer können sich auch am Sprachwitz erfreuen. Annedore Kleist trägt zum Einstieg etwa den Zungenbrecher vor: „Du nett nachmittäglich vorm knackenden Kaminfeuer knietief in knisternden Nachrichten blätternder nüchtern nachdenkender Newspaper-Nerd.“ Welcher Mann fühlt sich schon davon angesprochen? Und mit dem „schön errötet röhrenden Romantiker im Endlos-Rondo“ klappt es auch nicht.

 

Die Musik spielt eine große Rolle. Der Tenor Ted Schmitz interpretiert  Lieder von Bonnie „Prince“ Billy bis Benjamin Britten. Und erstmals spielt auch ein Hund mit. Der Abend ist eine Liebeserklärung an die Darsteller. „Ich  habe mal wieder so fragil inszeniert“, lächelt Hümpel, „dass alles auf ihrem Strahlen aufbaut, ihren persönlichen Qualitäten, ihren skurrilen Seiten und ihrem Charme.

 

Sandra Luzina, 30.04.2015

 

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