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Hamburger Abendblatt

Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten

Absurdes Theater auf Kollisionskurs

Im Teilchenbeschleuniger werden subatomare Partikel auf Kollisionskurs gebracht. Die Physiker lassen kleine Energiebündel aufeinanderprallen und schauen, was so passiert. Die Berliner Theatertruppe Nico and the Navigators hat dieses experimentelle Verfahren auf die Bühne gebracht. In ihrem von Peter Handke in­spirierten Stück "Die Stunde da wir zu viel voneinander wussten", das auf Kampnagel Premiere hatte, erforschen sie die Struktur des gesellschaftlichen Miteinanders, indem sie menschliche Monaden auf Kollisionskurs bringen.

 

Von links und rechts treten da die seltsamsten Typen aus den Kulissen, um beim Überqueren des kargen Bühnenraums aufeinanderzutreffen oder – weit häufiger – sich einfach zu verfehlen. Ein Metrosexueller in Lederjacke und High Heels, ein Kampfjogger, ein mit seinem Handy verwachsener Yuppie, eine Diva, eine Tussi, ein Ehekrüppel und seine Megäre bevölkern das soziale Kuriositätenkabinett. Wo diese aufeinandertreffen, werden immense Quanten von Befremden, Peinlichkeit, Unbehagen oder Gewalt freigesetzt. Spontane Fusionen sind dagegen selten und bleiben instabil. Einzig eine Nonne und eine Frau im Tschador durchkreuzen während der 90 Minuten den Bühnenraum auf parallelen Bahnen und im besten Einverständnis.

 

Die Versuchsanordnung, derer sich Nico and the Naviagtors bedienen, stammt aus Handkes Stück "Die Stunde da wir nichts voneinander wussten" von 1992. Neu ist sie also nicht. Offenbar lohnt es sich aber, das Experiment in regelmäßigen Abständen zu wiederholen, um an den aktuellen Menschentypen die alten Einsichten zu verifizieren. Dank ihrer Schauspiel-, Tanz- und Gesangskunst gelingt den Berlinern ein zeitgemäßes Update von Handkes Grundidee. Nur acht Darsteller erwecken den gesamten sozialen Kosmos zum Leben. Am beredtsten sprechen sie dabei mit ihren Körpern; die gesprochene Sprache erfüllt eher die Funktion eines Kostüms: Die jeweiligen Floskeln charakterisiert den Typus.

 

Es gibt viel zu schmunzeln und einiges zu lachen bei diesem Typentheater. Der Grundton ist milde Resignation. Einmal, nach rund zwei Dritteln des Stückes, treffen sich alle Akteure kurz zu einem echten Gespräch. Doch das bleibt nur Episode. Gleich danach geht der absurde Reigen weiter.

 

Tom R. Schulz, 27.04.2015

 

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