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Die Befristeten

“Darf ich um Ihren Namen bitten?”

Im Rahmen der Münchener Biennale gab es am Montag (19.05) im Cuvilliéstheater die gelungene Premiere vom Musiktheater Die Befristeten zu sehen. Elias Canettis Gedankenexperiment ist um aktuelle Aspekte erweitert worden und serviert dem Zuschauer ein kleines, aber umso weitreichenderes What-if-Häppchen: Was wäre, wenn jeder seinen Todestag wüsste? Und das von Geburt an.

Die damit einhergehende Gewissheit scheint ja zunächst irgendwie verlockend. Man kann sich seine Lebenszeit einteilen, alles genauestens planen. Und erst gar keine Beziehung mit jemandem anfangen, der eh nicht mehr lange leben wird.

Das feststehende Sterbedatum, der sog. “Augenblick”, sei die wohl größte Errungenschaft der modernen Menschheit. Die Regulierung des Lebens durch einen feststehenden Todestag macht Krankheiten, Morde und Kriege überflüssig. Selbstmorde und Unfälle werden als Unordnung des Systems dargestellt, die gar nicht eintreten können, solange der Kapselan (Paul Wolff-Plottegg) (eine nicht zu hinterfragende Autorität, die jedoch eigentlich auch nur das macht, was das Gesetz vorschreibt) sein wachendes Auge auf die Menschen richtet. Seine Überzeugung: “Die Menschen haben erkannt, dass fünfzig sichere Jahre mehr wert sind als eine unbestimmte Anzahl unsicherer.”

So weit, so schlecht: Dass die bestehende Gesellschaftsordnung nicht lange unhinterfragt bleiben kann, liegt auf der Hand. Alle Menschen tragen als Namen dasjenige Alter, mit welchem sie sterben werden. Die Bekanntgabe seines wahren Namens ist folglich unangenehm und im Grunde auch nicht gestattet. Die Achtundachtziger werden von den kurzlebigeren Mitbürgern verpönt, da sie ihre lange Lebenszeit ohne Gegenleistung nachgeworfen bekommen haben. Die Erkenntnisse im Mutter-Sohn-Dialog sind diejenigen, dass das Kind zum einen achtunddreißig Jahre älter werden wird als Mama, zum anderen, dass die zukünftigen Gute-Nacht-Küsse langsam an den Fingern abzählbar sind. Eine andere Mutter ist bei der Beerdigung ihres Kindes (Sieben) relativ gefühllos, verständlich, wo doch alles nur nach Plan läuft. Und ein Mann erzählt: “Ich hatte eine Schwester. [...] Sie hieß Zwölf.”

Nach und nach wird das System hinterfragt. Fünfzig (Götz Schulte) ist trotz verhältnismäßig hoher Lebenszeit der Erste, der den Umsturzstein ins Rollen bringt. Unsicherheit und Gewissheit stehen im ständigen Konflikt, das triste und dadurch perfekt-intensive Bühnenbild dreht sich langsam im Kreis, genauso wie die Figuren, die auf ihr wandeln und in der schönen, neuen Welt im Grunde total verloren sind. Dass die Gewissheit über den Todestag ein Maximum an Lebensfreude hervorbringt (à la “Carpe Diem – Jetzt erst recht!”), erscheint immer fraglicher. Schließlich pressiert’s am Ende ja doch immer irgendwie.

Fazit: Durch die Bank überzeugende Schauspieler in einer musikalisch einwandfrei untermauerten Zukunftsvision einer Gesellschaft, die irgendwann vergessen hat “zu tanzen”. Wer also trotz seiner ohnehin viel zu kurzen Lebenszeit knapp zwei Stunden von selbiger zur Verfügungen stellen möchte, dem seien Die Befristeten wärmstens ans Herz gelegt.

 

Tom Englram, 22.05.2014

 

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