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Berliner Morgenpost

Eggs on Earth

Reflektion über die Arbeit: „Eggs on Earth“ von Nico and the Navigators

Jeder kennt das Phänomen. Wer Arbeit hat, überschlägt sich fast. Der Rest langweilt sich zu Tode. Mit diesen Widersprüchen zwischen Beschäftigtsein und Sichbeschäftigenmüssen setzt sich Nicola Hümpel auseinander. „Eggs on Earth“ sind 90 Minuten brillantes Bildertheater der leisen, intensiv nachwirkenden Art.

So wie das Leben ist auch Oliver Proskes bis ins Detail ausgeklügelte Bühne ein praktikables Baukastensystem. Als blauer Quader mit verschiebbaren Wänden, sich öffnenden Klappen und begehbarem Dach ist es Labyrinth und Schneckenhaus, verschlingende Arbeitsmaschine und bergendes Refugium. Halbverdeckte, gesichtlose Arbeitsmenschen defilieren am Anfang in Endlosschleifen durch das Gebilde, quellen schließlich hervor. In korrekten blauen Anzügen, Akten oder Taschen in der Hand, zwei als Touristen mit dem Weltatlas überm Kopf. Sieben Jugendliche wandern fragend durch den Alltag und staunen über dessen Ungereimtheiten.

Nur einzelne Sätze sind es, die sie schlaglichtartig in den Raum flüstern, abgedroschene Phrasen und Floskeln, aber auch Wünsche an die Zukunft. „Ich will nach oben – Sie auch?“ oder „Was können Sie?“ heißt es mehrfach und „Geduld, Ihr Vorgang wird bearbeitet“.

In Hohngelächter erstickt das Bilanz-Geschwafel eines Teamchefs. Kein Platz für Versager in einer erfolgsorientierten Welt. Wenn abstruse Lebensläufe reflektiert werden, die nach dem Studium mit halben Welttouren begannen, um als Friseur oder Bistrobesitzer in irgendeiner Kleinstadt zu verenden, dann führt das die so gern propagierte Mobilität junger Kader und ihre unbegrenzten Aufstiegschancen ad absurdum.

„Ist es zu spät, um früh anzufangen?“ lautet eine bange Frage. Sie und viele andere im Spannungsfeld von Arbeitsstress und Freizeitzwang, am Rand des Abgrunds und der Vereinzelung werden auf ungemein intelligente, witzige, absurde, auch melancholische Weise Bild gesetzt. In ihrer langsamen, gründlichen Inszenierung verleugnet Nicola Hümpel ihren einstigen Lehrer Achim Freyer nicht. Ravels „La Valse“ und Chopins Trauermarsch, Opernarie und Country, Beatles und Janis Joplin untermalen ein hoch sensibles Stück Tanztheater mit exzellenten Darstellern – Schauspielern, Tänzern, einem spielenden Industriedesigner. „Weiter“ lautet optimistisch eines der letzten Worte. Gut nicht nur für Nico and the Navigators.

 

Volkmar Draeger, 05.06.2000

 

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