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Mitteldeutsche Zeitung

Shakespeares Sonette

Verdacht gegen Shakespeare

Die berühmten Sonette des Weltdichters William Shakespeare werden in Halle jetzt auch noch zu Bühnenhelden - im Puppentheater. Und ihre Wirkungsgeschichte ist das Stückthema.

Die erste Zeile klingt ja noch freundlich. Nach einer Selbstdiagnose, die Hoffnung lässt. Nach einem Leiden zwar, aber nach nichts Schlimmerem: „My love ist as a fever“ - nach einer Herzensüberhitzung also. Höchstens. Und heilbar nach menschlichem Ermessen. Aber schon die nächsten Verse, die auf der Bühne erklingen, zeigen, dass die Sache weit dramatischer ist. Tragischer und zugleich komischer, abgründig und unheilbar, tödlich, aber auch göttlich. Willkommen bei Shakespeares Sonetten - kleinen Meisterwerken, die nicht wenige für die größten ihrer Art halten: Dramen der Seele, die deshalb nun auch in Halle auf die Bühne drängen.

 

In dem für derlei ambitionierte Projekte bestens geeigneten Puppentheater macht die Berliner Star-Regisseurin Nicola Hümpel ein knappes Dutzend der 154 berühmten Gedichte jetzt zu Bühnenhelden - unter dem etwas sperrigen Titel „So hasse mich, wenn du willst, aber gleich - Shakespeares Sonette“. Am Donnerstag ist Premiere.

 

Dabei steht - so viel kann hier schon verraten werden - neben dem Krankheitsbild namens Liebe und dem jeweils daran erkrankten Ich auch gleich noch der klagende Dichter in einer Inkarnation als quasi Angeklagter auf der Bühne. Und der wird ohne lange Vorwarnung mit einem furchtbaren Verdacht konfrontiert. Der Vorwurf, geäußert lautet: „Shakespeare macht unfruchtbar.“ Das lässt sich - zumindest im übertragenen Sinne erhärten - beim vergleichenden Blick auf das gewaltige Werk des englischen Weltdichters und die demgegenüber bescheidenen Gesamtwerke aller anderen. Bekanntlich kriegte es mit Blick auf Shakespeare selbst dessen zunächst begabtester Dichter-Nachfahre Goethe mit der Angst zu tun. „Wie ein Blindgeborener“ fühlte sich der angehende deutsche Dichterfürst, als er das erste Shakespeare-Stück gelesen hatte. Doch während es Goethe dabei zumindest nicht die kreative Fruchtbarkeit verschlug, muss es dessen Nachfahren mit ihm so ergangen sein. Von Goethes Enkel Wolfgang kennt man die Worte: „Mein Großvater war ein Hüne und ich bin ein Hühnchen.“ Doch während Goethe in seinen Leben das Vorbild Shakespeare dann noch zwecks Nacheiferung ins Visier nahm, gingen die ihm literarisch Nachgeborenen vor Shakespeare geschlossen in die Knie, adaptierten ihn, übersetzten ihn und versuchten ihn - neben allem Staunen und Bewundern - auch noch ein bisschen zu verstehen. Genau davon handelt das Stück „Shakespeares Sonette“, das man auch als Stückentwicklung im dem Ensemble bezeichnen kann.

 

Regisseurin Nicola Hümpel und ihr Bühnenbildner Oliver Proske haben es mit Schauspieler Adrian Gillott von ihrer gemeinsamen Truppe „Nico and the Navigators“ und mit dem Puppentheater-Ensemble einstudiert. Steffi König, Nils Dreschke und Sebastian Fortak spielen in Rollen, die nicht zuletzt durch wunderbar plausible Kostümlösungen von Angela Baumgart definiert werden. Und der Klangzauberer Sebastian Herzfeld füllt mit seinen Instrumenten Herzblut in all die gehauchten, gebrüllten oder gewinselten Shakespeare-Texte. Denn die Sonette sind hier nicht etwa nur Rahmen, Einsprengsel oder gar Vorwand zu einer irgendwie gearteten Shakespeare-Satire oder Hommage - nein, sie sind die Handlung. Und die Figuren, die sich um die Verse herum ergeben, arbeiten sich an ihnen ab. „Wir brauchen mehr Chaos und auch mehr Poesie“, begründet Regisseurin Hümpel, warum so viel Shakespeare-Original bei ihr zu Wort kommt.

Doch ein paar Erkenntnisgewinne darüber hinaus dürfen immerhin gleich für den Beginn versprochen werden. So wird die Frage, warum es so viele deutsche Übersetzungen der Sonette gibt, quasi von Shakespeare selbst beantwortet. Das Deutsche habe zu wenige Worte. Und außerdem noch die falschen. Ob das stimmt, kann der Zuschauer im Puppentheater immer mal wieder anhand zweisprachiger Passagen selbst vergleichen. Oder es versuchen. Bleibt noch die Frage, wie es überhaupt zu Shakespeares Sonetten kam. Und wie es dem Meister erging, als er sie schrieb. Die Antwort gleich zu Beginn des Stücks - macht Appetit auf die ganze Produktion: „Shakespeare muss beim Schreiben oft getrunken haben ...“, heißt es da. „Und dann hat er geweint ... und am nächsten Früh war alles verwischt.“ Bei dem Stück in der „Puppe“ ist das anders: nichts verwischt. Und vieles dürfte lange haften bleiben.

 

 

Detlef Färber, 1. Mai 2013

 

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