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Berliner Morgenpost

Mahlermania

Stillstand und Galopp

"Nico and the Navigators" bringen Gustav und Alma Mahler zum Tanzen

Kann Alma tanzen? Der umfänglichen Madam', bekannt als Alma Mahler-Werfel, wäre es kaum zuzutrauen. "Nicht dass ich wüsste!", muss auch Nico zugeben. Trotzdem sind in "Mahlermania" gleich zwei tanzende Almas vorgesehen: eine ältere und eine junge. Auch Mahler kommt doppelt vor. Der Abend für Sänger und Tänzer ist für die Berliner Performance-Truppe "Nico and the Navigators" ein Aufbruch, sogar erstmaliger Ausbruch aus der Off-Szene. "Es ist das erste Mal, dass uns von einem Opernbetrieb feste Sänger für ein 'freies' Projekt zur Verfügung gestellt werden."


Wer in aller Welt sind "Nico and the Navigators"? Die ursprünglich Bildende Künstlerin Nicola Hümpel versammelt seit 14 Jahren je nach Projekt unterschiedliche Mitarbeiter, Tänzer und Sänger um sich. In Berlin geschah das meist in den "Sophiensaelen" oder im "Radialsystem". Produktionen wie "Wo du nicht bist", "Anaesthesia" oder Rossinis "Petite messe solennelle" bescherten Nico samt ihrem Freund, dem Bühnen- und Kostümbildner Oliver Proske, seit 2007 eine Konzeptförderung des Berliner Senats. Letztes Jahr folgte der George-Tabori-Preis. "Nico and the Navigators", mit anderen Worten, ist ein Berliner Gewächs. Die sich dahinter verbergende Nicola Hümpel ist freilich Lübeckerin. Wie viele von dort schleppt sie ein kleines "Thomas-Mann-Trauma" mit sich herum. "Man möchte nicht immer darauf festgenagelt werden", lacht sie hell heraus. "Pruschten" würde Thomas Mann dieses Lachen nennen. Und "Hümpel" heißt noch dazu Misthaufen, lacht sie weiter. Ihre "Navigators" betrachtet sie nicht als Gäste, sondern als Mitautoren. Als Schiffsbesatzung ähnlich wie bei den großen Kähnen, die in Travemünde anlegten, wo Nico schwimmen lernte. "Nicht abtreiben mit der Luftmatratze!", wurde den Kindern immer eingeschärft. Östlich drohte noch Grenzgebiet.

In die Mahler-Materie hat sich Nico tatsächlich mit Hilfe von Adorno eingearbeitet. Zuvor zählte Mahler nicht unbedingt zu ihren Lieblingskomponisten. "In Mahlers Musik ging die Sicherheit der Romantik verloren", sagt sie anerkennend. "Man verlor die Unschuld, und heute haben wir alle nur noch ein großes Fragezeichen in uns." Der Ballungsraum aus Zeitgeschichte, Leben und Musik sei bei Mahler erstaunlich dicht. So dass sie inzwischen doch noch ein "Mahlermaniac" geworden sei. In ihrem Mahler-Pasticcio aus Liedern und symphonischen Stellen wird auch das Adagietto aus der 5. Sinfonie zitiert. Durch dessen Verwendung in Viscontis "Tod in Venedig" kam die Mahlermanie in Schwung. Man dürfe es mit Mahler aber nicht übertreiben. "Den 'Mahler'-Film von Ken Russell zum Beispiel fand ich grauenhaft", so Nico ehrlich. Mahler sei "Stillstand und Galopp, Spätromantik und Moderne, Nietzsche, André Breton und Freud." Sie wolle das einem jungen Publikum nahebringen. Und die Musik aufbrechen, so dass sie nicht unbedingt runtergeht wie Butter.

Tatsächlich gehört Mahler zu den sehr wenigen Komponisten, dessen Gesamtwerk dem Publikum nahezu vollständig vertraut ist. Ungewohntes tut Not. In der neuen Tischlerei kann Nico raumgreifend inmitten des Publikums spielen. Ein Guckkasten ist nicht geplant. Eines ihrer großen Vorbilder war Pina Bausch. "Durch ihre radikale Poesie, die zum schwersten gehört, was man im Theater erreichen kann." Auch Marthalers Körperslapstick und Alltagsgenauigkeit.

"Nico and the Navigators", das ist ein mit Kapitänin schippernder Berliner Kahn, der sich langsam dem offenen Meer nähert. "Mahlermania" bedeutet schon: große Fahrt. Da hilft kein 'Navi'.

 

 

Kai Luehrs-Kaiser, 25.10.2012

 

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