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Der Tagesspiegel

Mahlermania

Visionär und Außenseiter

Die freie Szene und die Opernhäuser waren sich lange nicht grün. Die Bastionen des Musiktheaters verkannten das kreative Potenzial der freischaffenden Künstler – und übersahen geflissentlich deren flexible und kostensparende Strukturen. Den Freien wiederum war die Oper als überholte Repräsentationskunst suspekt, die zudem einen Löwenanteil der Subventionen verschlingt. Die ideologischen Grabenkämpfe scheinen nun passé. Wenn Nico & the Navigators im November die Uraufführung „Mahlermania“ an der Deutschen Oper herausbringen, ist das in zweifacher Weise ein Debüt. Denn zum ersten Mal in seiner 15-jährigen Geschichte kooperiert das Ensemble mit einer städtischen Berliner Bühne.

Mit der Mahler-Hommage weiht die Kompanie zugleich die „Tischlerei“, die neue Experimentierbühne der Deutschen Oper, ein. Regisseurin Nicola Hümpel ist dazu prädestiniert, denn mit ihren Navigators hat sie eine sinnliche Theatersprache formuliert, die Sprache, Musik, Bewegung, Mimik, Licht, Bühnenbild und Kostüm als gleichwertige Elemente verbindet. „Wir sind Radikalpoeten. Wir haben keine Angst, Poesie auf die Bühne zu bringen, wovor sich heute viele scheuen“, erklärt Hümpel, und es klingt fast wie das Manifest der Gruppe.

 

Der multiple Mahler

So viel steht fest: Nico & the Navigators bringen frischen Wind ans Haus. Lange hat Nicola Hümpel die Unabhängigkeit ihrer Compagnie hochgehalten. Deshalb war sie anfangs auch skeptisch, ob der schwerfällige Apparat eines Opernhauses die gewitzten und fantasiebegabten Navigators nicht bei der Stückentwicklung behindert. Doch fast schon erleichtert konstatiert sie nach der ersten Probenphase: „Die Sänger und die Navigators sind zusammengewachsen.“ Die neue Leitung bemühe sich zudem nach Kräften, ihnen einen kreativen Freiraum zu erkämpfen. Schließlich wollen sie ihre Arbeitsweise auch bei dieser ersten Koproduktion beibehalten. Den fünf Navigators, den Schauspielern Patric Schott und Annedore Kleist und den Tänzern Anna-Luise Recke, Ioannis Avakoumidis und Philipp Repmann, stehen zwei Sänger zur Seite: der Bariton Simon Pauly und die Mezzosopranistin Katarina Bradic. Sänger, Schauspieler und Tänzer verkörpern unterschiedliche Facetten von Gustav Mahler und von Alma, der Frau und Muse des Komponisten.

„Wie es in unserer Arbeit Tradition ist, werden wir gemeinsam forschen“, sagt Hümpel. „dieses Forschen besteht neben der Auseinandersetzung mit Mahlers Leben darin, seine Musik in unseren Körpern heute erklingen zu lassen und zu schauen: Welche Gefühlszustände und Bilder ruft die Musik in uns wach?“ Für die klassisch ausgebildeten Sänger stellt die Zusammenarbeit mit Nicola Hümpel eine Herausforderung dar. Denn sie sollen nicht einfach Gesangspartien abliefern, sie sind in den kreativen Prozess von Anfang an mit eingebunden und werden auch darstellerisch ganz anders gefordert. Dabei ermutigt Hümpel die Sänger, ihren eigenen körperlichen Ausdruck zu finden. „Ich habe beobachtet: Wenn der Körper authentisch ist, dann ist auch die Stimme stark.“

Mit den Händel-Opern „Anæsthesia“ und „Orlando“ sowie mit einer szenischen Aufführung von Rossinis „Petite messe solennelle“ haben Nico & the Navigators das Musiktheater erobert. In „Mahlermania“ erweitern sie abermals ihren künstlerischen Radius. Sie nähern sich dem bedeutenden Komponisten, indem sie sich vor allem auf sein Liedschaffen konzentrieren – und erkunden zugleich die Höhenflüge und Abgründe einer ganzen Epoche. „Was ich an Mahler spannend finde, ist seine Zerrissenheit“, sagt Hümpel. „Er hängt an alten Werten, sieht aber schon die Moderne kommen. Die Frage stellt sich: Wie viel Selbstverrat kann man betreiben und wo muss man sich selbst treu bleiben?“

Der veränderbare Bühnenraum, den Oliver Proske entworfen hat, deutet den Epochenwandel von der Spätromantik zur Moderne an. „Der Beginn der Moderne, insbesondere in der Architektur, interessiert mich sehr“, erklärt Proske. „Protagonisten dieser Epoche haben mit dem Wissen um das Ornament versucht, dieses zu überwinden, um sich danach im Funktionalismus zu verheddern.“

 

Am Manifest kratzen

Die Lieder für „Mahlermania“ hat Hümpel zusammen mit dem Dramaturgen Jörg Königsdorf zusammengestellt. Natürlich werden die Romantik-Idyllen des „Wunderhorns“ und die intimen „Rückert-Lieder“ erklingen. Sie beginnt den Abend jedoch mit „Abschied“ aus „Das Lied der Erde“ und schaut vom Ende her auf das Leben Mahlers zurück. „Beim ,Abschied’ merkt man, dass Mahlers Musik nicht mehr drängt, nicht mehr kämpft, sie ist geerdet; der Komponist scheint wieder bei sich selbst angekommen zu sein“, erklärt Hümpel. Doch eine biografische Abhandlung hat sie nicht im Sinn. „Wir lassen zunächst die Kraft seiner Musik wirken und suchen dann den Grund für diese Kraft.“

Dabei loten sie die Widersprüche aus, die Mahlers Werk und Leben prägen: manische Getriebenheit und Größenwahn auf der einen Seite, das Gefühl des Außenseitertums auf der anderen. „Es ist ein Stoff voller Reizpotenzial“, meint Nicola Hümpel und verspricht: „Wir kratzen am Manifest.“

Sandra Luzina, 24.10.2012

 

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