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Badische Zeitung

Chaconne

Raumarchitektinnen

Yui Kawaguchi und Aki Takase geben beim Internationalen Tanzfestival Freiburg ein besonderes Duo

 

Über den seltsam verkürzten Schatten der Pianistin Aki Takase und ihres Instruments legt sich die Silhouette Yui Kawaguchis. Etwas weiter rechts hat sich der schlangenförmige Arm der Tänzerin auf der Bühnenwand verselbstständigt. Den komplexen Raum von Klang, Installation und Bewegung, den die japanischen Künstlerinnen schaffen, übersetzt der Schattenwurf für einen Moment in fragmentierte Flächen. Fast scheint es, hier zeigte sich die Skyline dieses Abends.

"Chaconne – Die Stadt im Klavier IV" beginnt damit, dass sich die Jazzmusikerin in rotem bodenlangem Satinkleid umständlich ans Klavier setzt und den Besucher des 18. Internationalen Tanzfestivals Freiburg im E-Werk auf eine Nachtfahrt mitnimmt. Die Lichtprojektionen auf den Wänden könnten von Autoscheinwerfern auf regennasser Fahrbahn stammen und sind doch die Reflexionen des Mobiles aus aufgefädelten silberfarbenen Rahmen (Kazue Taguchi). Und dann betritt auch Yui Kawaguchi in kurzen schwarzen Hosen und einem raffiniert geschnürten Kapuzenoberteil (Kostüm: Frauke Ritter) die Bühne. Sanft tastend stellt sie sich auf die perlenden Klavierklänge ein, auf Zehenspitzen winkelt sie die Arme an, verlagert ihr Gewicht nach hinten, dann greifen ihre Arme aus. Es scheint, als führe jedes ihrer Körperteile ein Eigenleben.

Yui Kawaguchi ist eine Ausnahmetänzerin. Sie vertanzt die Komposition Aki Takases in fließende Bewegungen, übersetzt klassische Ballettfiguren ins Zeitgenössische; so fällt sie immer mal wieder in den Spagat und führt zugleich einen anmutig dysfunktionalen Körper vor.

"Chaconne – Die Stadt im Klavier IV" könnte einer jener kunstsinnigen Abende sein, die raunend ihren eigenen Avantgardeanspruch behaupten. Es ist nicht allein die Selbstverständlichkeit des Zusammenspiels – nicht zum ersten Mal nehmen sich die beiden einen traditionellen Tanz wie die Chaconne vor –, dass dieses Etikett nicht haften will. Es ist auch der mädchenhafte Witz Yui Kawaguchis, der dieser Chaconne einen anderen Ton gibt. Die in Berlin lebende Tänzerin streckt wie ein Kobold die Zunge heraus, so dass sie ihr fast auf die Hand zu springen scheint, hüpft wie ein Frosch, setzt ihren Körper als Schattenspiel ein und tanzt Charleston. Einmal lehnt sie sich an die rückwärtige Front der Sprossenfenster und sofort glaubt man, eine Szene aus einem expressionistischen Film vor sich zu sehen. Dann schlägt sie auf die großen Lüftungsrohre und setzt nicht nur sich selbst, sondern auch den Raum als Resonanzkörper der Musik ein.

Aki Takase und Yui Kawaguchi erzählen nicht vom Leben in den Städten, sie bauen Räume, strukturieren sie, machen sie sichtbar. Etwa wenn Yui Kawaguchi einen Faden abspult und ihn zu einem weit reichenden Netz vertäut, dessen Ende so gespannt ist, dass es ihr als eine Art Ballettstange dient. Oder wenn Aki Takase die silbernen Rahmen auf die Klaviersaiten wirft, dass sie aufspringen und ihr Spiel mit Misstönen akzentuieren. Bei einer der Zugaben steckt Yui Kawaguchi eine Blume aus Draht ins Klavier, eine andere legt sie ihrer Partnerin wie eine Schlinge um den Hals. Reibung kann durchaus eine Qualität sein.

Annette Hoffmann, 21.10.2011

 

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