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Neues Deutschland

Orlando

Endlich mit szenischem Wagemut

(...) Und da muss sich vor allem das Händelfestspielorchester (als Teil der Staatskapelle Halle) mit seinen historischen Instrumenten längst hinter keinem Spezialensemble der internationalen Barockszene mehr verstecken. Der neue Chef der Formation, Bernhard Forck, brachte für die Eröffnungspremiere seine Erfahrungen in der Alte-Musik-Szene jedenfalls auf beglückende Weise ein, und das Protagonisten-Ensemble glänzte vor allem mit den beiden hervorragenden Countertenören. Owen Willetts überzeugte dabei als gefühlvoll leidender, aus enttäuschter Liebe beinahe rettungslos dem Wahnsinn verfallender Titelheld Orlando, und Dmitry Egorov als dessen Konkurrent Medoro, der bei der von beiden geliebten Angelica einfach die besseren Karten hat und die Oberhand behält. Die Schäferin Droinda und der wie ein Spielführer durchs Stück führende Magier komplettieren das Personal.

Zum musikalischen Niveau kommt diesmal auch ein in Halle doch schon etwas überfälliger szenischer Wagemut. Händels Variante der unzähligen Veroperungen von Ariostos »Orlando«-Epos ist so etwas wie eine Beziehungstragödie aus enttäuschter Liebe. Sie bietet Zauberei, Scheintot, Wahnsinn und ein mit der Brechstange herbeigezwungenes lieto fine und überzeugt vor allem durch ihre ariose Poesie.

Dass man sich bei der Inszenierung für Nicola Hümpel, Oliver Proske und ihre Berliner Theatergruppe Nico & the Navigators entschieden hat, gehört eindeutig auf die Habenseite der Festspiele. Vor einem abstrakten Projektionshalbrund umspielen sie die Handlung mit zwei Performern eher assoziativ, als die Illusion einer Rittergeschichte zu erzeugen. Die stilisierte Bühnenästhetik erinnert an einen eher heiter verspielten Roberto Wilson. Die Leichtigkeit der zum Teil witzigen, zum Teil illustrierenden Kommentare greift die Sprünge in der Handlung dieser seria jedenfalls produktiv auf und kollidiert nicht mit ihnen. Das Premierenpublikum war bereit, diese vorsichtige, aber deutliche, ästhetische Öffnung mitzugehen.

Roberto Becker, 09.06.2010

 

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