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Berliner Zeitung

HELden & kleinMUT

Menschlein im Gefüge der Produktnorm

"HELden & kleinMUT" von Nico and the Navigators

Eigentlich alles wie gehabt: Die Welt von "NICO AND THE NAVIGATORS" ist ein schöner, furchtbarer Baukasten. Sehr elegant, sehr sinnvoll funktional, nur die Menschen darin funktionieren nie so ganz mit, weshalb diese fliederfarbene Bauhauswelt immer auch ein bisschen traurig ist und ein bisschen lächerlich. Sorgfältig in Beige- bis Rosatönen gekleidet schieben und falten sich die dennoch immer zum Kühnsten und Besten entschlossenen Menschlein in "HELden&kleinMUT" im Zeitlupentempo aus der Kulisse, doch eigentlich schiebt und faltet die futuristische Modellstadt jene aus sich. Es zirpt und zwitschert heiter zu der behutsamen Menschenverschiebung bis jemand den Schrecken benennt: "Du siehst ein Kind auf dem Fahrrad, und es hat keinen Helm auf!"

Erneuert zurück

Die Angst sitzt den Helden von "Nico and the Navigators" im Nacken, doch scheint diese Angst wie die Menschen in ihrer neuen Produktion längst irgendwo festzuhängen in ihrer Modellwelt. Vor knapp einem Jahr hat sich die erfolgreiche Theatertruppe auf Europatournee begeben und angekündigt, kreativ erneuert zurück zu kehren. Nun tasten sich neben Lajos Talamonti und Annedore Kleist vier neue Schauspieler aus vier verschiedenen Ländern durch die große, konstruierte Welt des Bühnenbildners Oliver Proske, und zwei Musiker spielen live die kleinen, menschlichen Intervalle dazu. Es wird englisch, französisch und flämisch gesprochen, mitteilend aber sind hier allein die Gesten und Dinge.

Und darin knüpft Nicola Hümpel, der Kopf des Ensembles, an ihre besten Anfangszeiten am Bauhaus Dessau an: An ein menschengebundenes Objekttheater, das sie in ihrer letzten Produktion "Kain, Wenn & Aber" zu Ungunsten pseudophilosophierender Texte aus den Augen verloren hatte. Nun sind die Rätsel wieder gegenständlich. Fenster schieben sich auf, Schauspieler fügen sich in die Lücken. Ein Brunnen verformt sich zur Bank, diese dreht sich zu einem Laufband. Trotz ihres unbedingten Willens zur Formbeherrschung kommen die sechs Buster Keatons mit ihren bescheidenen Menschenfunktionen diesen multipotenten Kulturgegenständen natürlich nie hinterher. So blättert die lächerliche Angst aus den großen Beherrschungsfantasien, stolpert der Slapstick aus der Drohung und schimmert im Robert-Wilson-Ritual das Kasperletheater.

Am Ende zieht ein Schauspieler langsam Montageteile aus seinen Kleidern hervor, als zöge er sie aus seinem eigenen Körper, und baut einen Fleischwolf daraus: Subjekt-Objekt-Verwurstung à la carte.

Doris Meierhenrich, 12.10.2004

 

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