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Süddeutsche Zeitung

Der Familienrat

Leises Grauen Familie

Alte Freunde: "Nico and the Navigators" in der Muffathalle

 

Man sollte eigentlich meinen, dass Nicola Hümpel und Oliver Proske, die vor gut zehn Jahren das Performance-Kollektiv "Nico and the Navigators" gründeten, noch viel zu jung seien, um die eigene Vergangenheit Revue passieren zu lassen. Doch in eben diesem Zeitraum hat sich viel geändert, was den Umgang mit theatralen Erscheinungen angeht. So sehr hat sich dieser Umgang mit ihnen geändert, dass man heute gar nicht mehr so ganz genau sagen kann, worin das Anderssein besteht. Das heißt: "Nico and the Navigators" machen immer noch Aufführungen, in denen verschrobene Figuren verschrobene Dinge tun, die nur ganz an der Oberfläche zart und harmlos wirken, die Verschrobenheit indes zum einen zum Personalstil und damit zum Markenzeichen geworden ist und keineswegs mehr so irritiert wie in der Anfangszeit. Als Beleg kann man Kritiken zur Aufführung vom "Familienrat" lesen (die praktischerweise in der Pressemappe abgedruckt sind), in denen drinsteht, dass man gerade etwas Besonderes erlebt habe, was genau, wisse man aber nicht.

Das Stück "Der Familienrat" entstand 2002, und auf verschlungenen Wegen kam es nun in die Muffathalle, nach einigen anderen Nico-Produktionen, die hier schon zu sehen waren, weil der Muffat-Chef Dietmar Lupfer glücklicherweise ein Liebhaber dieser Aufführungen ist und auch, wenn man ihm noch gut zuredet und er ein bisschen Geld auftreibt, vielleicht die Nico-Händel-Oper "Anästhesia" nach München holt. Inzwischen heißt die Aufführung "Familienrat II", weil sie in Nuancen anders ausschaut als bei ihrer Geburt, was wohl nur Eingeweihte erkennen, also die Macher selbst.

Und da sind sie wieder, die längst liebgewonnen Menschentiere, die sehr entspannt wunderliche Dinge tun und ganz en passant - schließlich geht es ja hier um Familie und also auch um den Horror in dieser - ein Grauen streifen, das man erst einmal fast gar nicht bemerkt. Aber Sätze wie "er weiß, was er wollen sollte, aber er will nicht" verweisen auf gut gemeinten Erziehungsterror, "sie war so schön und so dünn" auf Essstörungen; eine liebe Tante knutscht zur Begrüßung, dass das Kind vor Ekel sich in sich verkriecht, und wer einen Nazi-Opa hatte, wird an ihn erinnert werden. "Der Familienrat" eröffnet mit leichter Hand einen Riesenraum privater und damit individueller Assoziationen - manches verursacht einen Schauer, manches ein wehmütiges Lächeln, manches löst gar nichts aus, schaut aber gut aus. EGBERT

Egbert Tholl, 16.09.2009

 

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