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Kulturradio

Kain, Wenn & Aber

Sophiensaele. Nico and the Navigators. "Kain, Wenn & Aber"

Das Premierendatum war vorzüglich gewählt: der Nikolausabend für Nico and the Navigators. Und tatsächlich kommt auch ein Socken im Stück der Theatergruppe vor, die längst Kult ist und nun aber ankündigt, dies sei vorerst die letzte in einer Reihe von Ensembleproduktionen, bevor man sich „zu neuen künstlerischen Ufern“ aufmachen wird. Eine Premiere also mit einer Träne im Auge. Besagte Socke wird hier natürlich nicht mit Süßigkeiten gefüllt, sondern einer der Darsteller stopft sie sich in den Mund.

Wenn das Ensemble um Nicola Hümpel, das sich vor erst fünf Jahren am Bauhaus Dessau gegründet hat, jetzt eine Zäsur setzt, scheint das auf den ersten Blick konsequent, denn zuletzt meinte man, Ermüdungserscheinungen wahrzunehmen, die Inszenierungen zeigten leerstellen. Und nun kommt diese neue Produktion, und sie ist die schönste, die feinste seit langem. Von dem Titel darf man sich natürlich nicht ins Boxhorn jagen lassen. „Kain, Wenn & Aber“ ist ein witziges Wortspiel, aber der biblische Kain kommt hier nicht mit einem mutierten und einem dritten Bruder daher.

Am Anfang steht der Satz „Die erste Entscheidung heißt: zu mir selbst“, und wenig später wird in einem Ketten-Wortspiel der Begriff „Bestimmung“ durchgeknetet: „wer bestimmt hier eigentlich, wer bestimmt?“ Die uralte Frage, inwieweit der Mensch frei sei, sein Schicksal in die Hand zu nehmen, oder ob nicht vielmehr dieses ihn fest in der Faust halte, diese Frage steht den ganzen Abend in den vielen aus Improvisationen hervorgegangenen Szenen im Raum. Aber wie das bei dieser Gruppe so ist, sie macht gar nicht so viele Worte, sie wird niemals belehrend, analysierend, geschweige philosophisch oder religiös grundsätzlich.

Allein schon, wie die sieben Spieler, drei Frauen, vier Männer (übrigens alle mit etwas schräg angegelten Frisuren), - wie sie einzeln vor das Publikum hintreten und mit ihm ein stummes Mienenspiel treiben, ist überaus reizvoll. Da sind tatsächlich Szenen, in denen Spurenelemente elterlicher oder gesellschaftlicher Erziehung auszumachen sind, Versuche, den Einzelnen auf eine bestimmte Lebensrichtung festzulegen. Da gibt es Selbstaussagen („Hast Du schon mal jemanden enttäuscht“ lautet die Frage, und die kurze Antwort einfach „ja“), oder verrückte astrologische Banalverheißungen. Und eine Szene, in der das Individuum alles abgeben soll, den Mantel, die Kreditkarte, den Körperschmuck. Und da ist die Ratlosigkeit angesichts globalisierter Hühner und vor dem Auf und Ab des Dax an der Börse.

Die Bestimmung dieser Szenencollage selbst gehorcht allerdings ganz dem Gesetz eines schwerelosen Surrealismus. Diesmal wird kein Staubsauger Gassi geführt, kein Hühnerei erlebt auf dem Luftkissen eines Haushaltsgerätes Höhenflüge. Alle Sens und Nonsens ist diesmal lockerer, leichter geworden. Gespielt wird wieder mit rätselhafter Verlangsamung. Mal abgesehen von Momenten wie jenem, wo ein Mann einem anderen die Haartolle buchstäblich mit Händen und Füßen traktiert, wie es kein Friseur in Berlin, Ancona oder Moskau fertig brächte, wo längst natürlich Gastspiele gebucht sind. Da steht ein Satz zum Merken im formschönen Raum, dessen Kastenwände sich verschieben: „Die Fähigkeit, intellektuelle Zusammenhänge zu begreifen, nimmt jetzt drastisch zu“. Wir merken schon, wir sollen immer mal wieder auf den Leim navigiert werden. Dies aber so empfindsam wie crazy, so verrückt wie liebevoll. Und die Akteure figurieren dabei wie in einem ständig in Veränderung befindlichen absurden Tableau. Das ist die schönste Bestimmung des Theaters, nach dem Sinn fragen zu dürfen, aber um die Antwort so amüsant, so hintergründig, so verspielt, so entzückend albern betrogen zu werden wie hier.

 

Peter-Hans Göpfert, 07.12.2003

 

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