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Märkische Oderzeitung

Der Familienrat

Pfadfinder der Glückseligkeit mit nachdenklichem Witz

Begeisterung für "Nico and the Navigators" bei der Uraufführung ihres neuen Stückes "Der Familienrat" in den Berliner sophiensælen

Berlin. „Familienbande“ ist ein Wort mit doppelter Bedeutung, sinierte einst der Wiener Satiriker Karl Kraus. Auch „Der Familienrat“, so der Titel der neuesten, in den Berliner sophiensælen bejubelten Kreation von „Nico and the Navigators“ trägt so Familienballast, der ratlos macht. Frustriert schleppt man auf dem jugendlichen Lebensbuckel die unerbittlich wohlgemeinte Last elterlicher Erziehung mit sich herum, spürt, wie sie den aufrechten Gang, den Sprung in die Lüfte gar, verhindert. Und möchte schier verrückt werden.

Das tun „Nico and the Navigators“ nicht. Das kleine, feine, originelle und spezielle Ensemble um Nicola Hümpel startete 1998 am Bauhaus Dessau und kam schnell im maroden Charme der Avantgarde-Brutstätte am Hackeschen Markt in Berlin-Mitte in Obhut. Im neuen Stück zeigen die Schauspieler einmal mehr, dass sie keine Bilderstürmer, keine Protestschreihälse, keine Profilneurotiker sind. Nicht mehr Geheimtipp, noch nicht routinegefährdet, ist ihr Markenzeichen der feine Humor, die verquere Poesie, das leise Denken um die Ecke, das Hinwehen auf den ersten Blick wirrer, auf den zweiten abgründig nachdenklicher Sprachsplitter wie „Sie wissen, was sie wollen sollten, aber sie wollen gar nicht“.

Sie sind Fußgänger in der Luft, Pfadfinder der Glückseligkeit, staunend, verwirrt, verwirrend und zeigen, dass man auf dieser durchorganisierten Erde durchaus vom anderen Stern sein kann – ja sogar sein muss. Bei ihnen bekommen Alltagsverrichtungen sanft-verrückte Slapstick-Dimensionen. Sie stolpern, sie schweben durchs Leben, ungefährdet, weil Dutzende von Schutzengeln sie immer wieder auffangen. Sie passen in kein Raster, kein Schema, kein System. Sie sind immun gegen Erziehung und Normierung, mit Schusseligkeit begnadet, träumerisch lächelnd, mit nachdenklichem Witz, aufs Schönste weltfremd, weil eine so grauslich fade Welt in ihrer poesievollen Vorstellung gar nicht existiert. Diese Ritter von der kosmisch-komischen Gestalt, bei denen Grund und Abgrund, Sinn, Hinter- und Unsinn unmerklich ineinander übergehen, wohnen deshalb auch in einem von Oliver Proske wieder hinterlistig genial konstruierten Schrankwandmöbel mit verblüffendem Eigenleben. Die streng schöne hölzerne Wundertüte ist ein Überraschungscoup. Genau der rechte Spielplatz für diesen Kunst-Crossover, den Annedore Kleist, Verena Schonlau, Patric Schott, Peter Stock, Isabelle Stoffel, Sinta Tamsjadi und Julius Weiland in achtzig nachdenklich amüsanten Minuten vollführen.

Was da an kleinen Geschichten, sanften Dramen, lachhaften Katastrophen unter dem Siegel von Familienobhut und Zwangsverwaltung abläuft, wird nun auch zwischen Krakau, Granada und Groningen, zwischen Mühlhausen und Montreal besinnlich erheitern. Es endet in weihnachtlichem Frieden: leise rieselt der Schnee als frisch geriebener Semmelbröselsegen und Lämmer blöken und mähen sanft und blöd „Stille Nacht“.

Lorenz Tomerius, 07.10.2002

 

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