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Süddeutsche Zeitung

Wo Du nicht bist

Erkundungen in Schuberts Körper

„Nico and the Navigators“ und die Heimatband „Franui“ in Bregenz

Der Vergangenheits-Vergoldung ist schwer zu entkommen. In Österreich, ganz Kulturnation, ist in diesem Jahr alles Mozart, was ebenso schön ist wie es leicht fällt, weil sich selbst der verstiegenste Deutungsversuch des Komponisten auf dem sicheren Grund des Kulturgut-Status’ weiß. Das stiftet Identität, gewiss. Doch diese ist aus einer weit zurückliegenden Vergangenheit geboren. Während man in Salzburg Mozarts Schaffen grimmige, gut abgehangene Schauspielkomödien gegenüber stellt, sucht man in Bregenz das Glück in der Gegenwart. Zum sechsten Mal gibt es bei den Bregenzer Festspielen die Reihe „KAZ – Kunst aus der Zeit“. Und die beschäftigt sich mit dem Unterschied zwischen dem, was wirklich ist, und dem, was unwirklich ist.

Folgt man Nicola Hümpel, dann ist diese Unterscheidung eine Wissenschaft für die Engel. Als Künstlerin heißt Frau Hümpel Nico und beschäftigt sich seit 1998 zusammen mit dem Bühnenbildner Oliver Proske mit der physischen Bebilderung einer psychologischen Spurensuche. Ihr Theater ist politisch, poetisch, wundersam, ihre Berliner Truppe eine Ansammlung verhaltenshauptstädtischer Körpertheatertiere mit windschiefen Frisuren und pastellfarbenen Schlaghosen. Nun sind „Nico and the Navigators“ in Vorarlberg auf der Werkstatt-Bühne gelandet. Mit Schubert.

Wo ist da der Unterschied zwischen Mozart und Schubert? Sind doch beide österreichische Hochkultur, also wieder Kulturnationidentität. Nun, der Unterschied liegt darin, dass Nico sich irgendwann zwangsläufig mit Schubert beschäftigen musste, in ihrem eigenen Diskurs von der Zerschredderung des Ichs, der fragilen Möglichkeit von Sehnsucht und der Frage, wie die äußere und die innere Welt zusammenhängen. Es geht ihr um Schubert als in sich selbst nur höchst ungenügend Behauster; entsprechend heißt der Abend „Wo du nicht bist“, in Analogie zu Schuberts Lied „Der Wanderer“, in welchem der zitierte Satz lautet: „Dort, wo du nicht bist, dort ist das Glück.“ Wandern, suchen – ein vergebliches Bemühen. Keine Manifestation.

„Wo du nicht bist“ ist ein Schubert-Abend und auch wieder nicht. Er ist zunächst ein Nico-Abend, mit bekannt unheimelig-steriler Bühne, deren voller Reiz sich erst vom 10. August an in den verkrachten Berliner Sophiensälen, Nicos Heimstatt, entfalten wird. Ein Abend mit acht skurrilen, verkruschterten Akteuren, die sich zusammenfinden und wieder auseinander stieben, die einen sinnlosen Balkon erobern, von zwei kleinen Hügeln hinunter rollen, zu verbogenem Paarverhalten für Sekunden zusammen finden. Und es ist eben doch ein Schubert-Abend, weil Nico mit der Osttiroler Combo Franui zusammengetroffen ist. Diese aufgeklärte Heimatband sitzt in einer Art Spieldose, mit viel Blech, Hackbrett, Geige und Harfe, wird am Anfang quasi mit einer Kurbel aufgezogen und unterlegt das Nico-spezifische Treiben mit einem Klang-Teppich, feingewoben aus vielen schönen Liedern Schuberts, denen der Abschied vom geliebten Ich (das eigene oder ein fremdes), Trauer und Zerfall innewohnt. Aber vor allem die Suche, die Wanderschaft.

Franui haben mal, in einer Art klanglicher Vorstellung eines Ballsaals auf einer Almwiese, Schuberts „Deutsche Messe“ eingespielt. Die Alten in ihrem Tal nennen sie die „Kompassmesse“, weil sie mit den Worten „Wohin soll ich mich wenden“ beginnt. Aus diesem Witz wird nun dringlicher Ernst. Mit Schuberts Liedern zeigt der Kompass ins Innere der acht Schubert-Nico-Körper. Die Akkorde des „Leiermanns“, die melodische Süße des „Ständchens“, die erhoffte Ruhe in „Wandrers Nachtlied II“ – all dies sind Momente, in denen die Akteure ein Glück finden könnten, in einer Umarmung, in der Lektüre eines zerfledderten Buchs oder auch schlicht in der Erkenntnis, dass der eigene Name tatsächlich zu einem gehört. Zwar ist dies alles todesnah, doch ist das Ende keineswegs depressiv, sondern zerreißend schön: Eine Geige spielt die Melodie von „Abschied“, wie eine schwebende, übermenschliche Stimme. Der hier nicht gesungene Text lautet: „Über die Berge zieht ihr fort. Kommt an manchen grünen Ort; muss zurücke ganz allein. Lebet wohl! Es muss so sein.“

 

Egbert Tholl, 07.08.2006

 

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