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Vorarlberger Nachrichten

Anaesthesia

Schäfchenspielen, nicht -zählen

Kuschelrock war gestern, Kuschelbarock ist heute, denn der hat Stacheln.

Bregenz (VN) – Barock grüßt Pop, das gibt es schon lange. Händel mit Tuba, Hackbrett und Akkordeon, das ist vielleicht auch nicht absolut neu, konsequent durchgezogen wird die Kombination jedoch von der österreichischen Musicbanda Franui. Erneut arbeiten die – vor allem – Osttiroler Interpreten mit dem deutschen Ensemble Nico and The Navigators. Nach einem Schubert-Abend, der das Bregenzer Festspiel-Publikum begeisterte, lieferte man eine Pasticcio-Oper zum 250. Todestag von Georg Friedrich Händel an. In Halle uraufgeführt hatte „Anaesthesia“ gestern Abend auf der Bregenzer Werkstattbühne Premiere.

Irgendwie erinnert die Szenenfolge aus 20 Bühnenwerken des Barockmeisters an jene „Der ganze Shakespeare“-Abende, mit denen es vor einigen Jahren so ziemlich allen deutschsprachigen Bühnen gelang, auch die Klassik-Abstinenzler anzulocken. Während man dort möglichst banale Witzchen aus den Tragödien und Komödien filterte, geht es hier um echte Gefühlswelten, die Händel entfacht.

Liebevoll oder perfid

Welche Methode Regisseurin Nicola Hümpel bei der Ensemble-Arbeit auch immer anwendet, ihren Mitstreitern gelingen ungemein filigrane Szenen. Der große Aufmarsch, das liebevolle Fingertheater, perfide Bosheiten und die ewige Sehnsucht nach Arkadien – ist das Schäfchenspiel einmal in Gang gesetzt, hört man auf, die Nummern zu zählen, denkt gar nicht mehr an den (anderen) Inhalt der Werke „Theodora“, „Agrippina“, „Rinaldo“, „Saul“ usw. Die Tänzer, vor allem Yui Kawaguchi, und die Sänger tun ihr Übriges, um das Phantasiegespinst „Anaesthesia“ auf der tollen Bühnenrampe von Oliver Proske lebendig zu halten.

Die Musiker sorgen ohnehin für Spannung. Der Wiederholungseffekt, der im Orginal relativ rasch für ein Hinken sorgt, stellt sich erst gegen Ende ein, an dem man sich aber längst sicher ist, dass dieser Kuschelbarock so schön ist, weil er eben Stacheln hat.

 

Christa Dietrich, 13.08.2009

 

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