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Frankfurter Allgemeine Sonntagzeitung

Anaesthesia

Dies Bildnis ist bezaubernd - In Luxemburg werden 24 Händelopern neu zusammengeschraubt

Wo genau die Seele sitzt, weiß keiner. Nur eines scheint einigermaßen sicher: Sie entweicht durch den Mund, aus der Brust, wie Gesang: fadendünn (wie bei der frommen Helene) oder als nackt’ Kindlein (wie im „Sachsenspiegel“) oder auch als Lichtstrahl, wie in dem Film „The Green Mile“, darin ein wundertätiger Michael Clarke Duncan durch Mund-zu-Mund-Beatmung das Leben wieder zurückpustet in den Leib der Kranken und der Toten. Besonders viel Luft brauchen Sopranistinnen für die Liegetöne in Kleopatras Sarabanden-Arie „Piangerò la sorte mia“ aus „Giulio Cesare“ von Georg Friedrich Händel. Dieses „O“ im ersten Wort hat eine so unglaublich lange Schleppe, dass Theresa Dlouhys feine, flache Engelsstimme nie ganz ausreicht.

Das passt aber glaubhaft zu dieser Sechsminutentragödie in E-Dur: „Piangerò! Solange ich Atem habe, klage ich!“, ruft Kleopatra. Als ihr der Atem ausgeht, rast Dlouhy plötzlich los, schnappt sich einen der herumlaufenden Tänzer, packt ihn an Kinn und Nase, reißt ihm den Mund auf und stopft massenweise schnell, kurze Noten hinein, gewiss ein halbes Kilo Koloratur, so tief, dass ihr Opfer in die Knie geht: „Wenn ich tot bin, wird mein Dämon dich verfolgen!“ So heißt es im B-Teil der Arie. Alle Hygieneregeln des panepidemischen Zeitalters werden dabei in den Wind geschlagen, prunkhafte Primadonnenmusik klingt mit einem Male wie vergiftet, und quellen nicht auch auf mittelalterlichen Bildern manchmal böse Geister aus den Mündern, wie Gerüchte?

Insgesamt 28 Arien, Duette, Tänze aus 24 Händel-Opern und Händel-Oratorien hat das freie Theaterensemble Nico and the Navigators zu diesem neuen Stück zusammengeschraubt: „Anaesthesia“, das erzählt vom fröhlichen Herumspazieren zwischen Diesseits und Jenseits – „beyond“, wie der Conférencier (Adrian Gillott) raunt. Der ein Schlafmützchen trägt wie der junge Händel, Weisheiten lispelt und dummes Zeug, beides aber in geschliffenen Blankversen, den Unterschied zwischen Tulpen (Tulips) und Lippen erklärt, vor dem Todeskuss des Sandmanns flieht. Ein Countertenor im Schafspelz rennt mit der Herde und verwandelt sich in einen Wolf. Wie ein Albtraum hängt dem Bariton einer auf den Schultern, drückt ihn nieder, Note für Note. Uralte Bilder, die Händels Musik aber ganz neu einkleiden, wozu natürlich auch die geniale Musikbanda „Franui“ beiträgt, die schon so schön Brahms und Schubert zerknautscht hatte. Leider schon zum letzten Mal: nächstens Sonntag in Luxemburg.

 

Eleonore Büning, 22.11.2009

 

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